Remember Me
Plexiglaselemente. Gebundene Broschüre, 2 x 2 m, 2005

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© Detailansicht Remember Me


Zweifellos war die Stadt vor dem Straßensystem da, aber von jetzt an ist es so, als ob sich die Stadt um dieses Adernetz herumgebaut hätte. (Jean Baudrillard, Amerika, 1986)

Am Ursprung des Straßensystems von Los Angeles errichtete das California Department of Transportation sein regionales Headquarter. Das Gebäude mit der Adresse 100 South Main Street liegt an der Kreuzung von Main Street und 1st Street, die eine teilt sich hier in ihren Nord- und Süd-, die andere in ihren Ost- und Westteil. Ein riesiger Schriftzug, „100“, markiert den Haupteingang des von Morphosis Architects geplanten Büroblocks, der exakt am Ausgangspunkt des Ordnungssystems einer Stadt liegt, die ansonsten kein eindeutig erkennbares Zentrum hat.

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© Ausstellungsansicht BLANK – Urbane Zwischenräume, Kunstverein Medienturm, Graz, 2005.
Foto: Dariusz Kowalski

Zusätzlich verdichten künstlerische Interventionen von Renée Green und Keith Sonnier, die sich auf die Autokultur beziehen, den Symbolgehalt. Sie verweisen auf die Wichtigkeit des Straßennetzes für die Organisation des Alltags in einer Metropole, deren Stadtstruktur von zwei wesentlichen Faktoren massiv mitbestimmt wurde: einerseits den Parzellierungen im Zuge von Immobilienspekulationen im großen Stil, die Los Angeles im 19. Jahrhundert von einer Klein- zu einer Großstadt anwachsen ließen, andererseits dem früh einsetzenden Automobilboom, der ab den 1920er Jahren die Ausrichtung der Stadtentwicklung und stadträumlicher Orientierungssysteme nach den Bedürfnissen des motorisierten Individualverkehrs geprägt hat.
Annja Krautgasser hat während ihres Aufenthalts als MAKSchindler-Stipendiatin das wie ein Koordinatensystem aufgebaute Straßennetz von Los Angeles untersucht, durch diese analytische Annäherung eine Methode zur Verbesserung der eigenen Orientierung im Stadtraum gefunden und zugleich ein alternatives Ordnungssystem sichtbar gemacht. Die Installation Remember Me besteht aus einer reliefartigen Wandskulptur aus weißem Plexiglas und einem auf einem Regalbrett positionierten Booklet mit Kopien aus einem etliche Zentimeter dicken, spiralgebundenen Straßenatlas, auf denen mit farbigen Klebepunkten und Filzstiftlinien diverse Charakteristika hervorgehoben sind.

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© Detailansicht Booklet, Remember Me, 2005

Auf dem wie ein Puzzle aus zahlreichen Einzelstücken zusammengesetzten Relief lassen sich die von Nord nach Süd verlaufenden Verkehrsadern an den Schnittstellen der Einzelteile ablesen, während sich die dazwischenliegenden Straßen in Form von zarten eingeritzten Adern abbilden. Es entsteht eine ungewöhnliche Sichtweise auf das Stadtganze und sein Gefüge.
Evident wird nicht der in den einzelnen Blättern des Straßenatlas vordergründig erscheinende und als typisch angesehene orthogonale Straßenraster. Vielmehr werden in der auf akribischer Grundlagenarbeit basierenden abstrahierten Darstellung bereits vor der Motorisierung entstandene Siedlungsformationen und historische Entwicklungen sowie landschaftliche Gegebenheiten wie große Grünanlagen und kleinteilig ausgebildete hügelige Gegenden aufgedeckt. Annja Krautgasser schafft damit ihr eigenes Ordnungssystem, das in seiner kühlen Distanziertheit und in der Reduktion der Informationen Zusammenhänge neu erkennen lässt.
(Franziska Leeb)
English

Ausstellungen:
BLANK - Urbane Zwischenräume, Kunstverein Medienturm, Graz, A 2005

Wvnr:
05-003

Unterstützt durch:
MAK