What Remains
2009/13, PAL 4:3, 13 min, Farbe, Originalton, englische Untertitel
Voice-Over: Assistant Editor de Volkskrant: Gijs van den Heuvel


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© Videostill

If space-junk is the human debris that litters the universe, junk-space is the residue mankind leaves on the planet. (Rem Koolhaas)

Die psychoanalytisch inspirierte These, dass der Vorspann eines Filmes in nuce bereits dessen gesamten Inhalt präsentiert, besitzt auch dann eine gewisse Plausibilität, wenn es sich nicht um einen Spielfilm aus einer Traumfabrik handelt.
Die Anfangssequenz von Annja Krautgassers Video What Remains zeigt nicht mehr als den Titel und führt doch unmittelbar in das Thema. Für genau vier Sekunden sind in kapitalen weißen Lettern auf schwarzem Grund die beiden Worte zu lesen, die mangels weiterer Interpunktion weder eindeutig eine Frage noch eindeutig eine Feststellung formulieren, sondern fragmentarisch bleiben. Der eigentliche Vorspann besteht aus drei exakt gleich langen Einstellungen, die die Protagonisten dieses – wie es im Untertitel heißt – „architektonischen Porträts des ehemaligen Zeitungsviertels in Amsterdam-Oost“ vorstellen. Zu sehen sind Außenansichten der Verlagshäuser der niederländischen Tageszeitungen Het Parool, Trouw und de Volkskrant, die jahrzehntelang ihren Sitz in der Wibautstraat hatten, bevor die Produktion an dieser Adresse im Laufe der letzten Dekade sukzessive eingestellt wurde.
Die ursprünglich stark unterschiedliche politische Ausrichtung der Verlage, die in unmittelbarer räumlicher Nähe befindlichen Verlagsgebäude und ihr gemeinsames Schicksal als Industrieruinen mit wechselnden Nachnutzungen bilden die Ausgangsbasis für Krautgassers Arbeit. Durchaus auch im Wortsinne, denn die Künstlerin arbeitete während eines Stipendienaufenthalts in einem Atelier in der vierten Etage des ehemaligen de Volkskrant-Gebäudes mit Ausblick auf den gegenüberliegenden Komplex, der bis 2003 von der Tageszeitung Trouw genutzt wurde. Krautgassers Annäherung an ihren Gegenstand erfolgt dennoch bewusst distanziert. Sie begibt sich nicht auf eine subjektive „Spurensuche“, die nicht anders könnte als aus den „Fundstücken“ das herauszulesen, was zuvor in sie hineingelegt wurde: Die ausgebildete Architektin analysiert die drei Gebäude „strukturalistisch“, indem sie eher unscheinbare Bereiche wie Aufzüge, Gänge, Foyers, Büroräume, Wartebereiche oder Produktionsanlagen in einer präzisen Abfolge von sparsamen Standbildern und knappen filmischen Sequenzen in den Blick nimmt und miteinander vergleichbar macht. Abgesehen von einigen gestalterischen Details sind es primär die großformatigen Schriftzüge der Zeitungen an den Fassaden, die es erlauben, die gezeigten Schauplätze dem jeweiligen Gebäude zuzuordnen.
Über weite Strecken dominieren anonyme, uniforme Innenansichten, die keinerlei Rückschlüsse etwa auf die Gesinnung der Redakteure zulassen, die jahrelang in diesen Räumen gearbeitet haben. Zu sehen ist stattdessen das, was Rem Koolhaas in seiner grimmigen Abrechnung mit der Architektur der Gegenwart als „junk-space“ bezeichnet hat. „Junk-space“ ist eine Architektur ohne Eigenschaften, die in ihrer Gesichtslosigkeit und Austauschbarkeit allerdings weit davon entfernt ist, lediglich banal zu sein. Im Gegenteil: „Junk-space“ ist der Sieg der Infrastruktur über den Raum, der Triumph des Amorphen über die Form, der Ideologie über die Politik, der Bilder über die Sprache.
What Remains unternimmt eine Vermessung des „junk-space“ just in dem Moment, da dieser allgegenwärtig wird und auch jene Architektur erfasst, die grundsätzlich der Moderne verpflichtet ist. Annja Krautgassers Video betreibt daher keine Archäologie einer vergangenen Industrieepoche, sondern die stringente Beschreibung des Istzustandes ohne sentimentale Trübung.
(Christian Muhr)

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© Videostills


Passing the Past
19. – 26.04.2009
P///AKT, Amsterdam
agentur: in transit: exhibition at P///AKT
www.agentur.nl
www.pakt.nu

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© Ausstellungsansicht: Passing the Past, P///AKT, Amsterdam, 2009

In this solo exhibition, Annja Krautgasser shows a selection of recent video works. The registered spaces are analytically studied and depicted within the adaptation by their new users. In “What Remains”, relict newspaper buildings seem to want to talk with each other, showing each other their bold faces. Hallways are mostly empty, tables leaning around uselessly. Every shot is an imaginary glance to the past, with once busy employees filling in the news of the next day’s issues. The only remainders of the former function are the large typefaces on top of the facades. With her architectonical portraits, Annja Krautgasser turns buildings into protagonists, revealing glimpses of their past. (Karin Christof, agentur:)


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© Gebäudeansicht, Trouw/Het Parool, 2009



English

Screening (neue Version):
• Diagonale 2013 - Festival des österreichischen Films, Graz

Ausstellungen (alte Version):
...what remains..., Andechsgalerie, Innsbruck, A 2009 • Passing the Past, P///AKT, Amsterdam, NL 2009

Wvnr:
09-002