Romanes
2009/10, HD 16:9, 16 min, Farbe, Stereo, engl. Untertitel
Workshopleiter: Antonello Casalini

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© Videostills

"Romanes entstand nach einem Videoworkshop mit jugendlichen Roma und Sinti in einem Roma-Camp am Stadtrand Roms, in dem die Jugendlichen sich selbst zu ihrem Leben und Wünschen vor dem Hintergrund einer durch Ausgrenzung bestimmten gesellschaftlichen Position befragten." (Geri Weber)


„We live in a shit camp.“
Rom, Roma, Romania, Romana


Das Forschungsprojekt Self-Made Urbanism hat die Via Casilina in Rom als Erkundungsachse durch die Metropole bis hin zum Rand der Stadt ausgewählt. Zwischen Pasolinis ehemaligem Accattone-Lokal, wo sich in den frühen 1960er Jahren die Kleinkriminellen trafen, bis hin zum Selbstbau-Stadtteil Borghesiana, errichtet von mehrfach Migrierten, erstreckt sich eine Achse der informellen und selbstproduzierten Stadt. Dazwischen lag die inzwischen geräumte, überaus große Roma-Siedlung Casilino 900, zu der wir wegen der anhaltenden Polizeibedrohung leider keinen Zugang mehr erhalten hatten. Stattdessen wurden wir von mehreren Roma-Familien zum gemeinsamen Grillen bei ihren Hütten an der Autobahn Richtung Meer eingeladen.
Nicht weit von Casilino 900 befindet sich das von zwei Wachposten kontrollierte Containerlager Villaggio Attrezzato, aus dem die Videobilder für Annja Krautgassers Video- und Kunstprojekt Romanes stammen. Dieses Lager ist offensichtlich keine aus der Not selbstproduzierte Siedlung, sondern eine staatlicherseits zugewiesene Zwangsmaßnahme.
Der kurze Film Romanes ist aus den 270 Minuten Material eines Workshops entstanden, in welchem die jugendlichen BewohnerInnen des Lagers sich gegenseitig vor der Kamera befragen und diese auch selbst bedienen. Sie erhalten und geben sich eine Stimme, ein Gesicht, einen Körper. Das Mädchen Romana beschreibt eine Realität, in der das Verlassen des Camps ihr Hobby bedeutet und eine unerreichte „Normalität“ außerhalb der Bewachung wartet, mit Haus, Auto und Familie, wie es Vesna artikuliert.
„Wir sind alle Italiener“, spricht eine Stimme hinter der Kamera, doch Romana empfindet es als in Rom geborene Roma nicht so. Ihr Platz, der Platz der Romanas, der Roma, der Rumänen oder exjugoslawischen Bürgerkriegsflüchtlinge, ist der Rest zwischen Schnellstraßen und Brücken, Autobahnen und Zugtrassen.
An anderer Stelle hatte ich über die inzwischen geräumte Roma-Siedlung Gazela geschrieben, deren Name von der gleichnamigen Autobahnbrücke in Neu-Beograd stammt und die Europa mit Asien verbindet. Außer den wohl tausend BewohnerInnen in ihren über zweihundert Behausungen kommt hier kaum jemand vorbei, es sei denn, es soll etwas verkauft, Müll rasch abgeladen, Leute verprügelt oder Molotowcocktails geworfen werden.
„Wir“ schauen freundlich vorbei. Die Kamera fertigt und festigt Selbstpositionierungen. Die Frage bleibt offen, ob dies wahrgenommen wird. Und was machen „wir“ da, mit unseren Augen, Kameras und Körpern? Bestätigen „wir“ nicht im Besuch das „ihr“?
Ein Schock ist der kurze Schwenk auf einen Mast, an dem in alle Richtungen ausgerichtete Videokameras befestigt sind. Das römische Roma-Lager wird dauerüberwacht; der Staat macht sich hier ein ununterbrochenes Bild. Indem die Kameras herabblicken, konstituieren sie kontinuierlich das „Andere“. Was zurückbleibt, sind HD-Videokameras, welche den Jugendlichen nach dem Workshop geschenkt wurden.
(Jochen Becker)



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© Videostills


Giants and Mosquitoes
Salzburger Kunstverein - Ausstellungskabinett
5. Mai – 10. Juli 2011

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© Salzburger Kunstverein, Ausstellungsansicht: Romanes, Salzburger Kunstverein, 2011.
Foto: Andrew Phelps

Annja Krautgasser zeigt in ihrer Ausstellung „Giants and Moscitos“ dokumentarische Einblicke in das Leben der politisch wie gesellschaftlich stark ausgegrenzten Minderheit der Roma in Italien. Zwei Videoinstallationen porträtieren Roma-Jugendliche aus dem Roma-Camp „Villaggio Attrezzato“ am Stadtrand Roms, deren Alltag sich zwischen dem Wunsch nach Normalität und der Suche nach ihrem Platz in der Gesellschaft bewegt. Für den Betrachter stellt sich die Frage von Realität und Fiktion und der damit verbundenen Gratwanderung zwischen vorgegebenen Rollenmodellen und Vorurteilen.



CELLA
Strukturen der Ausgrenzung und Disziplinierung
Complesso Monumentale di San Michele a Ripa, Rom
06. - 28.11.2009

Ein Projekt des Instituts für Kunstgeschichte der Universität Innsbruck,
kuratiert von Christoph Bertsch und Silvia Höller

TeilnehmerInnen: Ingmar Alge, Angelo Aligia, Matthew Barney, Gottfried Bechtold, Fatima Bornemissza,Tania Bruguera, Lucilla Catania, Thomas Feuerstein, FLATZ, Rainer Ganahl, Morto da Goffezza, Morto da Goffezza Il Giovane, Marcel Hiller, Zenita Komad, Jannis Kounellis, Annja Krautgasser, Maria Kristof, Carla Mattii, Yves Netzhammer, Giuseppe Penone, Pietro Perrone, Alfredo Pirri, Platino, Christine Prantauer, Cloti Ricciardi, Daniel Richter, Pipilotti Rist, Gerwald Rockenschaub, Heidrun Sandbichler, Eva Schlegel, Gregor Schneider, Esther Stocker, Milica Tomic, Christoph Wachter & Mathias Jud, Lois Weinberger, Margret Wibmer, Ingrid Wildi, Yoonsook


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© Ausstellungsansicht: Cella, Complesso Monumentale, Rome, 2009. Foto: Martin Vandory

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© Ausstellungsansicht: Cella, Complesso Monumentale, Rome, 2009



VIDEO: Romanes




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English

Ausstellungen:
Cella, Complesso Monumentale, Rom/Rome, I 2009 • Giants and Mosquitoes, Salzburger Kunstverein, Salzburg, A 2011

Festivals:
Visions du Réel – Festival International du Cinéma Documentaire, Nyon, CH 2010 • VIS Vienna Independent Shorts, Wien/Vienna, A 2010 • dokumentART – Europäisches Dokumentarfilmfestival, D-Neubrandenburg und PL-Szczecin, 2010 • Int. Short Film Festival, Uppsala, S 2010 • Int. Film Festival, Cork, IRL 2010 • Youki – Internationales Jugend Medien Festival, Wels, A 2010 • IDFA - Internationales Dokumentarfilm Festival Amsterdam, Amsterdam, NL 2010 • Wand 5 – 24. Filmwinter, Stuttgart, D 2010 • Glasgow Short Film Festival, Glasgow, GB 2010 • One World Romania documentary film festival, Bukarest, RO 2010 • International Documentary Film Festival, Iowa City, USA 2011 • LIDF – London Internationale Documentary Festival, London, GB 2011 • This Human World Festival, Wien/Vienna, A 2011


Wvnr:
09-010

Videovertrieb:
sixpackfilm

Unterstützt durch:
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