Rollenspiel I und II
Graphitzeichnung, gerahmt, 82 x 106 cm, 2009
Filmdialoge (gezeichnet) aus dem Video Remake Romanzo Criminale


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© Ausstellungsansicht: Remake Romanzo Criminale und Rollenspiel I und II, Salzburger Kunstverein, 2011. Foto: Andrew Phelps

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© Rollenspiel I und II, Vorlage



Eröffnungsrede von Hildegard Fraueneder
(Auszug)

(...) Das mag am augenscheinlichsten durch die zweite Videoarbeit verdeutlicht werden: REMAKE Romanzo Criminale. Die Jugendlichen hatten in den drei Tagen des Workshops über Nacht auf eigene Faust einen Krimi gedreht, der scheinbar authentisch ihre Wünsche und Vorstellungen abbildet: Dieses Remake basiert auf einem 2002 erschienenen Kultroman, einer von einem Richter verfassten Dokufiktion über die „Banda della Magliana“, die in den 1970er- und 1980er-Jahren zunächst mit kleinkriminellen Aktionen, dann aber, von der Mafia entdeckt und instrumentalisiert, mit Entführung, Erpressung und Morden die Stadt verunsicherte. Das Buch wurde 2005 von Michele Placido verfilmt.

Was zeigt uns das Remake der Roma-Jugendlichen? Was erzählt es davon, wie sie überhaupt auf die Idee kommen konnten, diese Szenen zu inszenieren? Davon zu träumen, wie die Magliana-Bande schnell, unkompliziert und lustvoll an Geld und Macht zu kommen? Auf und davon, raus aus dem Ghetto und ungebunden, keiner regulären Arbeit nachgehend, DAS Leben leben? Jenes Leben, das wir immer schon den Zigeunern zuschreiben?

Wir müssen nicht nur das „Uns-zu-sehen-Gegebene“ bedenken, sondern auch das „Wie“ unseres eigenen Sehens und Hörens beachten. Je länger man darüber nachdenkt, umso stärker kommen einzelne Interviewpassagen in Bewegung; so kann man beispielsweise von hier aus anders darüber reflektieren, weshalb die Frage, ob sie/er einer Arbeit nachgehe, in Romanes so häufig gestellt wird. Als internalisiertes Stereotyp der Arbeitsverweigerung? Oder doch als Dokument, dass selbst Roma-Jugendliche, wie alle anderen auch, einer geregelten Arbeit nachgehen oder zumindest nachgehen wollen? Die Art und Weise, in der sich die Roma-Jugendlichen porträtieren, ist ebenso durch die Systeme hegemonialer Repräsentation gefiltert wie auch jene, in der wir dieses Porträt wahrnehmen. Die Jugendlichen wussten, dass ihr Videomaterial für die Ausstellung verwendet wird, sie wussten, dass ihnen damit eine kulturelle Sichtbarkeit gewährt wird. Aber möglicherweise ahnten sie auch, dass eine solche nicht unbedingt mit einer verbesserten politischen Repräsentation verbunden ist. Es ist ein gewagter Gedanke, den Jugendlichen solch einen bewussten Akt zu unterstellen, letztendlich nur die Wahl zwischen Spiel und Schweigen gehabt zu haben; aber weniger gewagt ist meine Wahrnehmung der Bilder und Narrationen beider Videos als sowohl dem Spiel mit dem Porträtieren als auch dem Schweigen über das Eigentliche, das Reale, das Leben der Jugendlichen zuarbeitend.

In der zeitgenössischen Kunst werden Strategien des Interviews verstärkt eingesetzt, und wir erwarten, dass sich diese vom investigativen Journalismus in Film und Fernsehen unterscheiden, indem sie eben die Konstruktionen von Aussagen mitthematisieren und zeigen, wie diese filmisch zustande kommen. Ein Mittel dazu ist die Kontextualisierung mit anderen Materialien oder auch einem Präsentationssetting, das andere Fragen auslöst und zulässt – wie dies hier der Fall ist.


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© Videostills Remake Romanzo Criminale



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Ausstellungen:
Giants and Mosquitoes, Salzburger Kunstverein, Salzburg, A 2011

Wvnr:
11-002