TMP 1-23
Diverse Lambdaprints, Papiertapete, Wandmalerei, u.a.

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© TMP 1-3

TMP
von Luisa Ziaja

Die seit 2003 entstehende und mit 22 Tafeln bislang umfangreichste Werkserie Annja Krautgassers, TMP, basiert wie viele ihrer abstrakten Experimentalvideos auf einem von der Künstlerin programmierten autogenerativen Skript, das im Zeitverlauf grafische Grundformen auf der Bildfläche aneinanderreiht, überlagert und verdichtet. Bilderfolgen wie TMP 1-3 (2003) sind als Stills diesem Prozess entnommen und vermögen trotz der Stillstellung durch die zunehmende Komplexität des grafischen Musters die der Arbeit innewohnende Temporalität zu verdeutlichen, auf die auch der Titel der Serie, das Dateisuffix .tmp (für temporäre Datei), verweist. Diese Spannung zwischen Prozessualität und Stillstand spiegelt sich auch im Verhältnis von computergeneriertem, zufälligem visuellem Output und künstlerischem Eingriff – sehr bewusst geht Krautgasser mit der Frage um, was es heute angesichts komplexer technischer Instrumentarien bedeutet, ein Bild zu produzieren. Bereits in den frühen 1920er Jahren hatte Alexander Rodtschenko im Rahmen seiner „Laboratoriumsanalysen“ die Elemente künstlerischer Konstruktion wie Farbe, Faktur und Material anhand der Kriterien Objektivität, Klarheit und Präzision untersucht. Während er die mit dem Pinsel handgezogene Linie als unzureichend und ungenau beschrieb und als Symptom einer veralteten, letztlich bourgeoisen Kunst ablehnte, identifizierte er technische Hilfsmittel wie Presse, Walze und Zirkel als angemessene und zeitgemäße Werkzeuge für die Konstruktion künstlerischer Objekte.1 Die Arbeiten Annja Krautgassers aktualisieren diesen Anspruch: Die ästhetische Formulierung ihrer computer-generierten objektiven Konstruktionen geometrischer Strukturen ist im jeweiligen Code definiert und changiert gleichzeitig zwischen Zufall und Entscheidung, Reduktion und Komplexität.
Die aus zehn Tafeln bestehende Reihe TMP 4-13 (2003) basiert mit ihren die Bildkoordinaten durchmessenden Linienkompositionen auf einem soundsensiblen Code, der sich in Vereinzelung und Verdichtung visualisiert. Generell spielt das bildgenerierende Potenzial von elektronischem Sound in den Projekten Krautgassers immer wieder eine wichtige Rolle. So ist etwa TMP 14 (2005) im Kontext eines Experimentalvideos und einer Liveperformance in Zusammenarbeit mit Musikern entstanden. Und mit TMP 18 (2009), einer abstrakten Papiertapete, die permanent in einer Großraumdiskothek in Innsbruck installiert ist, überschreitet sie den Rahmen des Tafelbildes und speist das soundgenerierte grafische Muster quasi als visuelle Rückkoppelung in einen der Musik gewidmeten Raum wieder ein.

1 Vgl. Alexander Rodtschenko: „Linija“, Vortrag, 23. Mai 1921, dt.: „Die Linie“, in: Alexander M. Rodtschenko. Warwara F. Stepanowa – Die Zukunft ist unser einziges Ziel ..., Ausstellungskatalog, Österreichisches Museum
für angewandte Kunst Wien, München 1991, S. 133-135.



TMP 1-3
Lambdaprint auf PVC kaschiert, 3 Prints à 80 x 60 cm, 2003

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© Lambdaprints TMP 1-3


TMP 4-13
Lambdaprint auf PVC kaschiert, 10 Prints à 20 x 20 cm, 2003

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© Lambdaprints TMP 14


TMP 14
Lambdaprint auf Aluminium kaschiert, 140 x 100 cm, 2005

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© Diasec, Lambdaprints TMP 4-13


TMP 15-17
Bildbeitrag (3-teilig) in: die melange, Heft 2, 2003, S. 80-85

„Love in a VOID, it’s so numb“
von Christian Höller

„Void“: Leerstelle, nicht besetzter Ort, Loch. Was in der Sprache der Computerprogrammierer als nicht festgelegter Begriff gilt, lässt sich umgekehrt auch als frei besetzbare Fläche lesen. Dementsprechend kann „Void“ auch als eine Art Folie verstanden werden, auf die sich flächendeckend audiovisuelle Gestaltungsmuster auftragen lassen. Wie dies etwa in der Projektschiene gleichen Namens geschieht, die seit knapp zwei Jahren von einer Gruppe junger Wiener GrafikdesignerInnen und MusikerInnen durch unterschiedlichste Orte gelegt wird.
Entstanden als Verlängerung des Multimedia-Labels lanolin in den realen Raum (bzw. des Live-Events), setzt sich die Reihe Void personell aus Mitgliedern der Designkollektive VIDOK und re-p.org zusammen. In unterschiedlichen Konstellationen und wechselnder Zusammenarbeit mit Musikern der Gruppe Radian (Stefan Németh, John Norman) bzw. dem Sounduniversalisten Martin Siewert hat Void bislang vier Auflagen erfahren. Hatten Vorstufen dieser audiovisuellen Liveacts in sporadischen Visual-Improvisationen, etwa innerhalb der Reihe Projektionen (Museumsquartier Wien, 2000) oder des Silver Spring Act (Künstlerhaus Wien, 2001), stattgefunden, so konnte man im Herbst 2001 bei der Kunsthallen-Veranstaltung Sonic Televisions Gallery, der ersten handfesten Umsetzung des Void-Konzepts beiwohnen.
Entscheidend war der Schritt heraus aus dem kurzweilversessenen Clubraum, in dem das Bild immer nur sekundär ist, hin zu eigens gestalteten Orten bzw. Sound-Visual-Environments, in denen computergenerierte Bilder und Musik ebenbürtig aufeinander reagieren können. Nicht zuletzt sollte damit die mediale Gleichwertigkeit der beiden Komponenten unter Beweis gestellt werden – eine Form von „Enthierarchisierung“, die sich bereits in der Wahl der technischen Mittel niederschlägt. So wird aus der Soundquelle – die zuvor mit dem Visual-Repertoire entsprechend abgeglichen wurde – mittels Interface ein Datenstrom, der über ein spezielles Grafikprogramm (Macromedia Director) visuell bearbeitet bzw. umgeformt werden kann. Dass die Computer-Keyboards dabei gleichsam zu videospielartigen Steuerinstrumenten umfunktioniert werden, unterstreicht nur die synästhetische Qualität dieser Direktverschaltung von Ton und Bild.
Waren es bei Void.01 und Void.02 (Letzteres 2002 im Grazer Forum Stadtpark) noch überwiegend vorgefertigte Grafikelemente, meist in Schwarz-Weiß und geometrisch reduziert, die der überwiegend streng gehaltenen Musik anverwandelt wurden, so geht in Folge (Void.03 und Void.04, beide 2002) die Bildentleerung noch einige Schritte weiter: Es dominieren die Grundelemente Punkt, Linie und Fläche, aus denen in unablässig neuen Kombinationen Äquivalente zu den Minimalimpulsen und Mikrosamples der Musik hergestellt werden.
Wenn am Ende die bewegten Musik-Bilder in immer neuen Rasterungen, „Layerings“ und Rotationen erscheinen, so belegt dies nur, wie schnell die visuelle Entleerung, das „Voiding“, trotz aller zweidimensionalen Flachheit und Abstraktheit zu ungeahnten Dichtheitsgraden umschlagen kann.



TMP 18
Papiertapete, 820 x 300 cm, 2009

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© Papiertapete TMP 18. Foto: WEST.Fotostudio

Anfang September eröffnet am Innsbrucker Grabenweg 74 die neue Veranstaltungslocation MAX events and culture mit dem Anspruch, ein neues Kapitel in Sachen kultureller Freizeitgestaltung in der Landeshauptstadt aufzuschlagen. Nach der kompletten Neugestaltung bietet die Venue auf mehr als 2000 m² Nutzfläche alle Voraussetzungen und Rahmenbedingungen, um außergewöhnliche Events realisieren zu können. Neben den von internationalen Künstlern mitgestalteten Räumen, der weitläufigen Veranstaltungshalle und der integrierten Kunstgalerie ist die qualitativ hochwertige Ton- und Lichtanlage als weiteres Highlight zu nennen. Im Eingangsbereich und im ersten Stock des Gebäudes wurde der zeitgenössischen Kunst viel Platz eingeräumt. Unter der künstlerischen Leitung von Kunstraum-Geschäftsführer Mag. Stefan Bidner werden ausgesuchte Arbeiten von den international renommierten Künstlern Hans Weigand, Sylvie Fleury, Peter Sandbichler, Thomas Feuerstein, Annja Krautgasser und Christoph Hinterhuber permanent in den Räumlichkeiten des MAX events and culture gezeigt und so einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Darüber hinaus wurde eine permanente Kunstgalerie mit wechselndem Programm eingeplant.
(http://www.innsider.at/magaz...


TMP 23
Wandmalerei, 10 x 5 m, 2010
Kunst am Bau Projekt, RLB Filiale Markthalle (Gestaltung Stiegenaufgang), A-Innsbruck

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© Wandmalerei TMP 23, Kuns am Bau Projekt: RLB Filiale Markthalle, Innsbruck.
Foto: RLB Tirol AG, Fotowerk Aichner

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Ausstellungen:
coord(), Kunstverein Medienturm, Graz, A 2003 • Art Innsbruck, Innsbruck, A 2004 • Kunstpreis 2004, art bridge, Innsbruck, A 2004