Gebt mir einen Körper
von Eva Maria Stadler

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© Ausstellungsansicht: Le Madison Lessons 1 - 3, Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, Innsbruck, 2011. Foto: WEST.Fotostudio


(...) Annja Krautgasser nahm diese Tanzszene zum Ausgangspunkt für ihren Film und ihre interventionistische Performance Le Madison, die sie 2009 in Amsterdam realisierte und die sie nun zur Grundlage der Ausstellung I can’t stand the quiet! im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum macht. Im Amsterdamer Kunstraum W139 arbeitete Annja Krautgasser mit der räumlichen Intervention des Künstlers Bernd Trasberger, der mit The Cartesian Grid den gesamten Raum mit einem Linienraster überzogen hatte. Zur Aufführung gelangte ein Madison, den die Künstlerin nach einem Aufruf über das Internet mit 40 Tänzerinnen und Tänzern, die der Einladung gefolgt waren, in Szene setzte. Die Teilnehmenden hatten vorab über das Internet die Gelegenheit, die Tanzschritte per Le Madison Lessons 1–3 einzustudieren und zu probieren.
Der an die „Domestic Landscapes“ der italienischen Gruppe Superstudio, die sich in den 1960er-Jahren mit Stadtutopien und Industriearchitektur auseinandergesetzt hat, erinnernde Raum fungierte als Bühne nicht nur für die Tanzenden, sondern auch für eine Liveband, die Le Madison musikalisch begleitete. Was fehlte, war das Publikum. Einzig mehrere Kameras und die Künstlerin selbst bildeten das Gegenüber.
Das Set: ein Ausstellungsraum, die Raumgrafik, die Tänzerinnen und Tänzer, die Künstlerin, die Kameraleute, sie alle sind Bestandteile der Choreografie.

„Gebt mir einen Körper“, sagt Gilles Deleuze im achten Kapitel seiner Untersuchung zum Kino Das Zeit-Bild und spricht damit einen Paradigmenwechsel an, wonach das Denken nicht mehr vom Körper getrennt wäre, der Körper nicht länger „Hindernis“, sondern das Denken in die „Kategorien des Lebens“ – damit meint Deleuze Verhaltensweisen des Körpers wie Schlaf, Trunkenheit oder Anspannung – verlegt würde. Es ginge darum, zu begreifen, wozu ein nicht denkender Körper in der Lage ist, ein Körper, der nicht mehr vermittelnde Instanz, sondern denkender Körper ist, selbst wenn er nicht denkt. „Gebt mir einen Körper“ hieße zunächst, die Kamera auf einen alltäglichen Körper zu richten, sagt Deleuze, denn durch den denkenden Körper würde sich das Kino mit dem Geist vermählen.1

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© Videostills Remake Le Madison

Für die Untersuchung des Körpers, seiner Verhaltensweisen und seiner Stellungen wird die Kamera als Instrument herangezogen, um ihn einerseits zu vermessen und mehr noch um ihn sprechen, ihn denken zu lassen. Einen Körper zu geben würde auch heißen, ihn in eine Zeremonie einzuführen. Deleuze spricht von dem Potenzial, das der Film hat, einen Körper in der Zeremonie, in der Liturgie entstehen zu lassen, ihn zu „machen“. Der Film würde es schaffen, den Körper hervorzubringen, ihn aber auch wieder verschwinden zu lassen.
In Annja Krautgassers Performance bilden Zeremonie, „denkender“ Körper und die Sprache des Filmes eine Konstellation, die nun zum Ansatzpunkt ihrer Ausstellung wird.

Seit seinen Anfängen ist der Madison mit den Medien verbunden. Via Fernsehen wurden Unterrichtseinheiten angeboten, in denen die Schrittfolgen vorgezeigt wurden. Zunächst steht also das individuelle Einüben im Vordergrund, bevor es zur kollektiven Aufführung kommt. Der Tanz wird nicht gemeinsam erarbeitet, sondern seine Zeremonie besteht in der Vereinzelung, was durch die Rasterung des Raumes akzentuiert wird. Die Beziehungen der Tanzenden untereinander sind räumlich determiniert und nicht inhaltlich motiviert.
Von der Architektur kommend, interessiert sich Annja Krautgasser für Konstruktionen mittels räumlicher und medialer Koordinaten. In ihren frühen Filmen und Installationen ging es häufig um die Erweiterung räumlicher und geografischer Konzepte, so beispielsweise in der netzbasierten Medieninstallation IP-III, für die sie Spuren, die Internet-User mit ihrer IP-Adresse hinterlassen, als interaktive Raumsonografik inszenierte. Ging es hier zum einen darum, die Kubaturen der Moderne zu hinterfragen und eine neue Grammatik an Raumstrukturen zu erproben, so waren es zum anderen die Handlungsweisen der User, ihre Teilnahme und Aktivierung, die für Annja Krautgasser wesentlich dazu beitrugen, auf ein verändertes Verhältnis von Akteur und Rezipient zu reagieren bzw. diesem Vorschub zu leisten.

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© Videostills Le Madison Lessons 1 - 3

Die Tänzerinnen und Tänzer, die sich für die Teilnahme an Le Madison und nun an I can’t stand the quiet! entschieden haben, sind Protagonisten eines Gruppentanzes, sind Publikum einer künstlerischen Intervention, sind User eines medialen Netzwerks. Das komplexe Wechselspiel der unterschiedlichen Rollenzuschreibungen bedarf einer spezifischen Aufführungspraxis, der Gilles Deleuzes denkender Körper am nächsten kommt. So lässt Jean-Luc Godard, um die Verhaltensweisen des Körpers zu „Kategorien des Geistes“ zu erklären, in der Tanzszene in Bande à part die Figuren für sich selbst tanzen.

Die Konzentration auf die eigene Bewegung, das Sichversenken in den eigenen Körper ist für Annja Krautgasser ausschlaggebend für eine Motivation im buchstäblichen Sinne, eine Motivation, die ein Theater für sich selbst schafft. Der Kamera kommt die Aufgabe zu, das Geschehen zu dokumentieren. Zudem installiert Annja Krautgasser eine Kamera hinter der Kamera, sie lässt also nicht nur den Tanz, sondern auch ihre eigene künstlerische Arbeit als Regisseurin, Choreografin und Künstlerin filmisch bzw. fotografisch festhalten, wodurch sie sich selbst so wie die Tänzerinnen und Tänzer involviert und der Tanz weniger Aufführung als Einübung ist.

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© Videostills Le Madison Lessons 1 - 3

Das Verhältnis von Tanz und Raum, mit dem Annja Krautgasser arbeitet, spielt nicht erst im 20. Jahrhundert eine zentrale Rolle, wenn mit der Tendenz zur Autonomisierung des Körpers eine Loslösung vom Raum angestrebt wird. An Gesellschaftstänzen wie dem höfischen Menuett oder dem bürgerlichen Walzer lassen sich nicht nur politisch motivierte Strukturen erkennen, sondern auch kulturelle Prägungen und ein jeweils spezifisches Körperverständnis.
Für Siegfried Kracauer hat sich der Tanz am Beginn des 20. Jahrhunderts zu einer Skandierung der Zeit reduziert. Es gehe um die Darstellung des Rhythmus schlechthin, um den Kult der Bewegung und nicht um die Bewegung als Kult, schreibt er in seinem Aufsatz „Die Reise und der Tanz“.2 Kracauer beschäftigt sich mit der formalisierten Bewegung, deren Mechanik und Ornamentbildung er insbesondere an den Formationen der amerikanischen Tiller Girls beschreibt.
Es handle sich dabei um mathematische Demonstrationen und nicht um Bewegungen einzelner Mädchen, sagt Kracauer und verknüpft diese Beobachtung mit Prozessen in Wirtschaft und Produktion, als deren Ausdruck er das „Ornament der Masse“ sieht. Der Einzelne habe keinen Begriff vom Ganzen, das Ornament werde nicht mitgedacht: Keine Linie dringe von den Massenteilchen auf die ganze Figur, konstatiert er. Als Hochzeit von Mensch und Maschine bezeichnet später Heiner Müller die Verkupplung des Organischen mit dem Mechanischen in den historischen Avantgarden. Die Fortschreibung dieser Verbindung im Zeichen der neuen Technologien „ergreift umfassend den Menschenkörper, der, verschaltet mit Informationssystemen, auch im postdramatischen Theater neue Phantasmen ausbrütet“, folgert Hans-Thies Lehmann in Bezug auf Müller.3 Wie Kracauer sieht auch Lehmann als Folge der Mediatisierung eine Tendenz zur Entkörperlichung, eine oberflächlich totale Sexualisierung, die den Körper vom Begehren und vom Eros trennt.
So konterkariert Godard in der Tanzszene in Bande à part die Loskoppelung von Begehren und Eros, indem er die Produktion der Affekte in den Bereich der Imagination verlagert. Mehr als um körperliche Nahbeziehungen, wie sie im Walzer oder in den klassischen lateinamerikanischen Tänzen ausgelebt werden, geht es um die Vermessung des Raumes bzw. um eine Verortung des Selbst.

Im selben Jahr, in dem der Madison via Fernsehshow Berühmtheit erlangte, erschien Elias Canettis Masse und Macht. Ausgehend von persönlichen prägenden Massenerlebnissen wie dem Einmarsch Hitlers in Wien zeichnet Canetti in seiner umfangreichen Studie eine Vielfalt von Massenphänomenen und Machtstrukturen nach, die zwischen der Furcht vor dem Anderen und dem Aufgehen in der Masse angesiedelt sind. Die Masse sei ein von Affekten geleitetes Gebilde, schreibt Canetti. Sie entstehe erst im Augenblick einer Entladung, in dem alle, die zu ihr gehören, ihre Verschiedenheiten loswerden und sich als gleich fühlen.4
Im Umschlagen der Berührungsfurcht, das in die Bereitschaft münde, Teil der Masse zu sein, und im Verlust der Individualität sieht Canetti einen Akt der Erleichterung, weil der Einzelne nun nicht mehr allein der Welt gegenüberstehe.

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© Videostills Le Madison Lessons 1 - 3


Le Madison kann hier als Beispiel für ein gruppendynamisches Verhalten gesehen werden, das in Zusammenhang mit dem Aufkommen des Fernsehens und dessen zunehmender Popularität steht. Der Einzelne kehrt in die Menge zurück, und das Set-up der Bühne gibt ihm dabei den Raum, sich in der Menge zu verorten, gleich und verschieden zugleich zu sein.
Annja Krautgasser arbeitet mit den Verknüpfungen sozialer Implikationen in den Medien und macht mit den Transfers Bruchlinien sichtbar, an denen sich so etwas wie eine mediale Realität abbildet. (...)


1 Vgl. Gilles Deleuze, Das Zeit-Bild. Kino 2, Frankfurt/Main 1991, S. 244.
2 Siegfried Kracauer, „Die Reise und der Tanz“, in: Ders., Das Ornament der Masse, Frankfurt/Main 1963, S. 40.
3 Hans-Thies Lehmann, Postdramatisches Theater, Frankfurt/Main 1999, S. 363.
4 Vgl. Elias Canetti, Masse und Macht, Frankfurt/Main 1980, S. 12.

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