Giants and Mosquitoes
Salzburger Kunstverein - Ausstellungskabinett
05.05. – 10.07.2011

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© Salzburger Kunstverein, Einladungskarte


An den Beginn meiner Einführung sei das Sichtbare gestellt, das was die Ausstellung hier einleitet und was zu sehen gegeben ist: Auf der Einladungskarte sieht man einen angeschnittenen Wohnwagen und den Titel „Giants and Mosquitoes“, ein Bild also, das in der Ausstellung nicht wieder auftaucht. Groß projiziert wird dagegen das Video „Romanes“, ein weiteres Video können wir in dem kleinen portablen Player mit Kopfhörer verfolgen, die Dialoge daraus sind in den beiden Zeichnungen in Schablonenschrift transkribiert und gezeichnet nachzulesen, also nicht nur hervorgehoben und wiederholt, sondern über die Verschriftlichung auch verräumlicht.
Der gesamte Ausstellungsraum ist mit Platten ausgestaltet, zwei große sind vor den Fenstern an die Wand gelehnt, an temporäre und mobile Architekturelemente gemahnend, dagegen der Boden, und vor allem die Bank, an ein räumliches Niederlassen, Einlassen appellierend. Diese Gestaltung ist nicht zufällig, auch nicht bloß der Notwendigkeit einer Verdunkelung für die Projektion geschuldet, sie kann vielmehr als Metapher für die Auseinandersetzung mit der Thematik, um die es hier geht, gelesen werde: als „entortende Verortung“ – eine Begriffspaarung, mit der Giorgio Agamben das „Lager“ charakterisiert hat.

Im Zentrum der Auseinandersetzung/Sichtbarmachung stehen Jugendliche des Roma-Camps „Villaggio Attrezzato“ in Rom. Annja Krautgasser war 2009 von Christoph Bertsch und Silvia Höller eingeladen, am Ausstellungsprojekt „Cella – Strukturen der Ausgrenzung und Disziplinierung“ teilzunehmen. Diese fand in der Casa di Correzione statt, einem Gebäude, das mit seinem zellenformigen Grundriss Anfang des 18. Jahrhunderts errichtet worden war und bis in die 70er Jahre als Jugendgefängnis gedient hat.

In vielen seiner Texte hat Michel Foucault auf die funktionalen Verbindungen von Architektur/Zelle mit Überwachen/Disziplinieren hingewiesen und vom „operativ-Werden“ der Architektur gesprochen. Im Anschluss an Foucault und vor allem auch an Hannah Arendt hat Giorgio Agamben das Lager als „biopolitisches Paradigma der Moderne“ theoretisiert und darauf gepocht, dieses nicht als historische Tatsache und auch nicht als Anomalie zu betrachten, sondern als „nomos“ des politischen Raumes, in dem wir auch heute leben. „Das Lager ist der Raum, der sich öffnet, wenn der Ausnahmezustand zur Regel zu werden beginnt.“ (Agamben)

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© Salzburger Kunstverein, Ausstellungsansicht: Romanes, Salzburger Kunstverein 2011.
Foto: Andrew Phelps

Aber – ist es überhaupt angebracht, vom Roma-Camp als Lager zu sprechen? Lager dienen laut Definition der Isolierung oder Selektion von Bevölkerungsgruppen, der Prävention von Handlungen, der Umerziehung, Umgestaltung u.a.m. – d.h. aber auch, dass beispielsweise schon das Einzäunen von sozial brenzligen Wohnvierteln laut Ludger Schwarte dem Lager als Raumparadigma der Moderne zugerechnet werden muss. Er schreibt: „Lager sind Beendigungen und Provisorien, Einrichtungen auf Zeit und abgelegene Orte, gebaute Verdächtigungen und ausgestellte
Abwiegelungen, Ausbreitung einer Unterstellung und Erfahrung einer Fiktion, sie existieren in einem Zustand des Noch-nicht/Nicht mehr. Vom Lager kann nur distanzierend, vorläufig und ‚auszugsweise’ die Rede sein.“

Wie ist also hier die Rede über das „Lager“ gestaltet, wie kam es überhaupt dazu, wie wurde sie ermöglicht? Annja Krautgasser hatte über persönliche Kontakte zu Sozialarbeitern ein halbes Jahr vor der Ausstellung einen 3-tätigen Workshop mit Jugendlichen des Camps durchgeführt, im Wohnwagen, der auf der Einladung abgebildet war. Aus dem Ausstellungsbudget hat sie 5 HD-Kameras angeschafft, mit denen die 7 Beteiligten nach einer Einführung in Kameratechnik und kleineren Übungen des „In-die-Kamera-Sprechens“ und sich „Gegenseitig-Interviewens“ arbeiten und ein Portrait des Camps und ihrer selbst gestalten konnten. Aus dem fast 4-stündigen Videomaterial wurde „Romanes“ von der Künstlerin geschnitten.

Eine ganz andere Sprache des Interviewens tritt hier zutage, eine weitaus lustvollere Handhabung als wir sie aus konventionellen Experteninterviews kennen, ein Einmischen auch der Fragenden – in der Konvention des Interviews eigentlich ein Sakrileg, denn das Authentische der Aussage wird ja damit, wenn nicht in Frage gestellt, so doch in Bewegung gebracht. Rollenspiele sind ebenso zu erkennen wie auch Inszenierungen; dennoch, die Kameraaufnahmen geben den Jugendlichen Stimme, Gesicht und Körper, aber auch den ihnen zugewiesenen Raum. Ein kleiner Schwenk zeigt auf einem Mast mehrere Videokameras, das Lager wird also überwacht, die zwei interviewten Wachmänner aber, so hören wir, teilen bloß einen gemeinsamen Namen und die gleiche Zahl an Dienstjahren. Sie werden in der Narration nicht als das Andere/Fremde stilisiert, wie auch die Kameras nicht, beide „Überwachungsinstrumente“ sind Teil der Normalität im Inneren des Camps, des Alltags der Jugendlichen. Das Außen dagegen wird imaginiert als Wunsch nach einer „Normalität des gesellschaftlichen Lebens“, zu dem ein Haus, ein Auto, eine Familie zählt.

Nach Agamben ist die Geburt des Lagers mit dem System des modernen Nationalstaats zusammenhängend, denn es verkörpert den Abstand von Geburt und Nationalstaat. Agamben zeigt dies am Beispiel der Flüchtlinge, die den Abstand zwischen Nativität und Nationalität, zwischen Mensch und Bürger, ins Wanken bringen. Auch in „Romanes“ wird immer wieder die verzwickte Rede über die nationale Zugehörigkeit geführt – Sind wir nun alle Italiener, wenn wir hier geboren wurden, und sind wir dies eben doch nicht ohne Recht auf eine Staatsbürgerschaft.
Es waren nicht nur die zerbrechenden Nationalstaaten, wie Jugoslawien, auch die ab 1989 schrittweisen Umbauten der ehemaligen Ostblockstaaten, die zu massiven Migrationsbewegungen der dort diskriminierten und teilweise auch verfolgten Roma und Sinti führten, in die westeuropäischen Länder, wo sie nicht nur mit den stereotypen Bildern über Zigeuner konfrontiert und wieder ausgegrenzt werden, auch – und das vergessen wir ja immer sehr schnell, zahlreichen Pogromen, nicht zuletzt verstärkt in Italien, ausgesetzt sind.

Annja Krautgasser hat mit dem Delegieren des Porträtierens an die Porträtierten selbst das äußerst komplexe Feld des „Sprechen-von“ und „Sprechen-für“ neu aktualisiert. Ich bin mir beinahe sicher, dass sie, die schon mehrmals Filme von Godard für ihre Arbeiten herangezogen hat, seinen Film „Tout va bien“ kennt, und auch die Szene, in der eine Arbeiterin einer besetzten Wurstfabrik von einer sehr engagierten Jane Fonda interviewt wird – wir sehen beide, doch die Arbeiterin bleibt stumm, so sehr die Reporterin sich auch noch bemüht. Eine Stimme aus dem Off legt Gedanken einer Arbeiterin über diese Szene, so auch jenen, dass alles von ihr zu Sagende ohnedies nur bestehende Vorurteile in der Öffentlichkeit bestätigen würde.
Es war vor allem Gayatri Spivak, die das Argument, dass die Unterdrückten und Ausgegrenzten ihre Lebensbedingungen ja kennen und demzufolge auch für sich selbst sprechen können, radikal hinterfragt hat. Sie hat auf etwas aufmerksam gemacht, das ich auch für die Ausstellung hier für ganz zentral halte: wie sie, die Ausgegrenzten sprechen, und mehr noch das, was wir hören, beides ist immer schon gefiltert durch die Systeme politischer Repräsentation.


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© Videostills Remake Romanzo Criminale

Das mag am augenscheinlichsten durch die 2. Videoarbeit verdeutlicht werden: „Remake Romanzo Criminale“. Die Jugendlichen hatten in den 3 Tagen des Workshops über Nacht auf eigene Faust einen Krimi gedreht, der scheinbar authentisch ihre Wünsche und Vorstellungen abbildet: dieses Remake basiert auf einem 2002 erschienen Kultroman, einer von einem Richter verfassten Doku-Fiktion über die „Banda della Magliana“, die in den 70er und 80er Jahre zunächst mit kleinkriminellen Aktionen, dann aber von der Mafia entdeckt und instrumentalisiert, mit Entführung, Erpressung und Morden, die Stadt verunsicherte. Das Buch wurde 2005 von Michele Placido verfilmt.
Was zeigt uns das Remake der Roma-Jugendlichen? Was erzählt es davon, wie sie überhaupt auf die Idee kommen konnten, diese Szenen zu inszenieren? Davon zu träumen, wie die Magliana Bande schnell, unkompliziert und lustvoll an Geld und Macht zu kommen? Auf und davon, raus aus dem Ghetto und ungebunden, keiner regulären Arbeit nachgehend, DAS Leben leben? Jenes Leben, das wir immer schon den Zigeunern zuschreiben?
Wir müssen nicht nur das „uns-zu-Sehen-Gegebene“ bedenken, viel mehr auch das „Wie“ unseres eigenen Sehens und Hörens beachten. Je länger man darüber nachdenkt, umso stärker kommen einzelne Interviewpassagen in Bewegung; so kann man beispielsweise von hier aus anders darüber reflektieren, weshalb die Frage, ob sie/er einer Arbeit nachgeht, in „Romanes“ so häufig gestellt ist. Als internalisiertes Stereotyp der Arbeitsverweigerung? Oder doch als Dokument, dass selbst Roma-Jugendliche, wie alle anderen auch, einer geregelten Arbeit nachgehen oder zumindest nachgehen wollen? Sowohl die Art und Weise, in der sich die Roma- Jugendlichen porträtieren, ist gefiltert durch die Systeme hegemonialer Repräsentation, wie auch die Art und Weise, in der wir dieses Porträt wahrnehmen. Die Jugendlichen wussten, dass ihr Videomaterial für die Ausstellung verwendet wird, sie wussten, dass ihnen damit eine kulturelle Sichtbarkeit gewährt wird. Aber möglicherweise ahnten sie auch, dass eine solche nicht unbedingt mit einer verbesserten politischen Repräsentation verbunden ist. Es ist ein gewagter Gedanke, solch einen bewussten Akt den Jugendlichen zu unterstellen, letztendlich nur die Wahl zwischen Spiel und Schweigen gehabt zu haben; aber weniger gewagt ist meine Wahrnehmung der Bilder und Narrationen beider Videos als sowohl dem Spiel mit dem Porträtieren als auch dem Schweigen über das Eigentliche, das Reale, das Leben der Jugendlichen, zuarbeitend.

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© Salzburger Kunstverein, Ausstellungsansicht: Remake Romanzo Criminale und Rollenspiel I + II, Salzburger Kunstverein, 2011. Foto: Andrew Phelps

In der zeitgenössischen Kunst werden Strategien des Interviews verstärkt eingesetzt und wir erwarten, dass sich diese vom investigativen Journalismus in Film und Fernsehen unterscheiden, indem sie eben die Konstruktionen von Aussagen mitthematisieren und zeigen, wie diese filmisch zustande kommen. Ein Mittel dazu ist die Kontextualisierung mit anderen Materialien, oder auch einem Präsentations-Setting, das andere Fragen auslöst und zulässt – wie dies hier der Fall ist.
(Hildegard Fraueneder)

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© Rollenspiel I + II, Vorlage



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English

Ausstellungen:
Giants and Mosquitoes, Salzburger Kunstverein, Salzburg, A 2011

inkl.
Remake Romanzo Criminale
Video, 2011, HD 16:9, 13 min, Farbe, Mono, Wvnr: 11-001

Rollenspiel I + II
Graphitzeichnung, gerahmt, 82 x 106 cm, 2011, Wvnr: 11-002