Rollenszenen - Nothing to say
A 2019 | 11 min | HD 16:9 | Farbe | Stereo


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© Videostill Rollenszenen


Konstantes Rollenspiel
von Juliane Feldhoffer

Eine Person betritt den Bildraum vor einer Kamera. Sie trägt einen weißen Overall und verstärkt mit ihrer Erscheinung und ihrem Verhalten unser intuitives Gefühl, Zeugen eines Verhörs oder ähnlichem zu sein. Mit dem Erscheinen der Protagonistin – sie nimmt auf dem Stuhl vor einem Tisch, direkt gegenüber der Kamera Platz – beginnt eine Stimme, gleichsam einer Verkörperung eines „unbekanntes Systems“ – gewöhnliche bis seltsame, persönliche bis elementare Unfreiheiten, Unsicherheiten und Fehlerhaftigkeiten abzufragen oder Behauptungen über diese aufzustellen. Die Situation irritiert und lässt uns im Unklaren darüber, wo wir uns gerade befinden. An Antworten oder Reaktionen scheint die Person aus dem Off jedoch nicht interessiert zu sein, sondern setzt voraus, diese bereits zu kennen oder sie der Protagonistin – wie auch uns – unausgesprochen zu überlassen. Eine weitere, offensivere Stimme aus einem Megafon schneidet an mehreren Stellen schroff dazwischen, gibt Regieanweisungen für bestimmte Handlungspositionen und fordert die Person auf, unterwerfende Passagen zu wiederholen – diese folgt den Aufforderungen bis zum Ende des Geschehens, an der die Protagonistin sich dem System verweigert. Dabei wandert ihr Blick immer direkt in die Kamera. Sie blickt uns an und holt uns in das Geschehen hinein, macht uns damit zu Fragenden und Befragten zugleich.


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© Videostill Rollenszenen


„Nothing to say“ ist eine Versuchsanordnung, eine in sich verwobene filmisch-performative Arbeit, die sich subtil und sensibel an so komplexe Themengemenge wie Wahrheit, Manipulation und Perspektive herantastet. Verwoben deshalb, weil das vielschichtige Zusammenspiel aus Text, Stimme(n), Bildraum, Kameraperspektive, Protagonistin und Zuseher*innen beinahe unmerklich wechselnde Bezüge generiert und so immer wieder neue Reflexionsebenen eröffnet. Annja Krautgasser stellt uns einem anonymen Raum, einer unbekannten Person in einer ebenso unklaren Situation gegenüber. Die Protagonistin ist als Individuum erkennbar, nimmt aber in ihrem weißen Overall gekleidet in dieser seltsamen Befragung oder Begutachtung sukzessive die Rolle eines Spiegel- oder Sinnbilds für uns und unsere alltäglichen insgeheimen Unzulänglichkeiten, aber auch für die Möglichkeit von Ermächtigung ein. Der sonderbar poetisch-analytische Fragen-und Beurteilungskatalog erschließt keine weitreichenden Kontexte, sondern kundschaftet eher die Grenzen unserer persönlichen und privaten Komfortzonen aus.


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© Videostill Rollenszenen

Der visuell maximal reduzierte Bildraum, den die Künstlerin hierfür generiert, dient nicht dazu dem Text einen klaren Umriss, eine deutliche Form zu geben, sondern macht umgekehrt in seiner Offenheit die Komplexität der verhandelten Inhalte spürbar. Diese Metaebene ist relevant, schließlich geht es um nichts weniger, als um die Rollen, die Konformitäten, die wir als Individuen und als Teile einer Gesellschaft einnehmen und um die Frage, wodurch diese gesteuert werden und wie wir uns dazu verhalten. Die Inszenierung dient als Vehikel, um über die äußeren, systembedingten, auch unsere eigenen Ängste zu erkunden und in einen Zusammenhang zu bringen. Die Auszüge aus Nick Hausers Text bilden hierfür das verbale Netz, das uns unbemerkt einfängt. Obwohl wir glauben einer anderen Person bei dieser Konfrontation zu folgen, sind wir selbst diejenigen, denen man auf die Schliche kommt. Der unberührte Raum wird frei von sichtbaren Bezügen so zu einem Gedankenmodell, das ein aufschlussreiches Bild einer Gesellschaft skizziert, in der es dringend an Zeit ist, tief einzuatmen und etwas von Bedeutung zu sagen.


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