Dachszenen
von Georgia Holz

Wir können die Stadt niemals erklären oder rechtfertigen. Die Stadt ist da. Sie ist unser Raum und wir haben keinen anderen. Wir sind in den Städten geboren. Wir sind in Städten groß geworden. In Städten atmen wir. ... Es gibt nichts Unmenschliches an einer Stadt, höchstens unser eigenes Menschsein.1 (Georges Perec)

„Sie wünschte sie wäre Schauspielerin wie sie, könnte ihre eigene Rolle schreiben, ihre eigene Geschichte“, spricht die Erzählerin, während wir eine Frau bei Yogaübungen sehen; eine von zahlreichen Dachszenen, mit denen uns Annja Krautgasser konfrontiert. Wir kommen nicht umhin zu fragen, wer hier über wen spricht, wer mit sie gemeint ist: die Künstlerin, die Erzählerin, die Darstellerin? So wie diese Fragen unbeantwortet bleiben, entzieht sich der Film – ganz in der Tradition des Essayfilms – eindeutigen Genres: dokumentarische Form, Fiktion und Inszenierung verschwimmen. Die gesamte Atmosphäre, sowohl auf der bildlichen als auch auf der inhaltlichen Ebene, ist zu einem Gemenge aus Ambiguität und zeitweise Unbehagen verdichtet, eine Stimmung, die durch den Soundtrack noch verstärkt wird. Die Erzählerin bringt es auf den Punkt: „Heute verspürt sie Angst, wo sie herkommt, weiß sie nicht...

Im Wechsel der Jahres- und Tageszeiten breitet sich das Panorama einer Stadt vor uns aus, wird zur Folie für unsere Phantasien und Assoziationen. Wir werden im Unklaren gelassen, um welche Stadt es sich handelt, sie gibt sich nicht durch geläufige Orientierungspunkte oder Wahrzeichen zu erkennen. Stattdessen fungiert die Stadt scheinbar als Kulisse für typische Szenen, die im urbanen Raum Privatheit vermitteln. Es sind von einem erhöhten Standpunkt aus über Dächer, Balkone und Straßen schweifende, beobachtende Aufnahmen, meist im Weitwinkel und sich gelegentlich auf kurze Beobachtungen fixierend, doch mit ausreichend Distanz. Für diese kurzen Szenen des alltäglichen Lebens, an der Schwelle zur voyeuristischen Beobachtung, haftet sich die Kamera an Details ohne diese Schwelle endgültig zu überschreiten: Wir sehen Bauarbeiter, Dachdecker, „Sonnenanbeter“ oder Jugendliche, die gefährlich nahe am Dachrand balancieren und Steine runter werfen. Es sind Sequenzen aus einem ganzen Kosmos sozialer Wirklichkeiten, „in de[nen] unterschiedliche Dinge zueinander finden und nicht länger getrennt existieren"2. Hier eröffnen sich vielfältige Formen der Aneignung des urbanen Raums, Handlungspraktiken von Körpern, die neue Räume schaffen und erobern.

Eingespannt in das städtische Raumgewebe sind die kurzen Portraits vierer Frauen, von denen wir nur die Namen und fragmentarische Details aus ihrem Leben erfahren. Ungewohnt nahe führt uns die Kamera an ihre eindringlichen Gesichter heran, deren Blicke unsere zurückzuwerfen scheinen. Der distanzierten Beobachtungen der Stadt gegenübergestellt schafft diese unvermittelte Nähe Vertrautheit, animieren regelrecht dazu, die Fäden, die uns Annja Krautgasser in die Hand gibt, aufzugreifen und die Geschichten aus diesen Leben weiterzuspinnen. Als Inspiration für die Frauenfiguren diente Jean Luc Godards „ Zwei oder drei Dinge, die ich von ihr weiß “, eine soziale Studie über Paris, aus der Perspektive einer jungen, verheirateten Frau und Mutter, die sich durch Prostitution ihr Zubrot verdient. Die für die Künstlerin zentrale Szene zeigt wie die Hauptdarstellerin ihren Kopf zuerst nach rechts und dann nach links dreht, während der Erzähler erläutert: "Sie dreht ihren Kopf nach links, aber das hat nichts zu bedeuten“.

Auch wenn die Kommentarebene in der dritten Person gehalten ist anstatt in der Ich-Form, vermittelt der filmische Blick eine subjektive Perspektive, die eine geradezu intime Sicht auf die Stadt und den vertrauten Erfahrungsraum der Künstlerin reflektiert, ja sogar als autobiografisch gelesen werden kann; vielleicht sind die vier Frauen ja ihre Alteregos. Durch diese betont subjektive Herangehensweise verdichtet sich der Film zu einer Reflexion über Identität und Nicht-Identität, Innen- und Außensicht. Aber vor allem ist „Dachszenen“ ein Kommentar über das Verhältnis von Kunst und Wirklichkeit. Auf ebenso simpel wie eindringliche Weise führt Annja Krautgasser vor, wie die filmische Form vermag, Illusion zur Realität und Realität zur Illusion werden zu lassen.





1 Georges Perec, Träumen von Räumen, 1974, S. 106.
2 Henri Lefebvre, Die Revolution der Städte, Frankfurt am Main 1990, S. 127.






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