I can't stand the quiet!
Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, Innsbruck
16.09. - 30.10.2011

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© Ausstellungsansicht: I can't stand the quiet!, Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, Innsbruck, 2011. Foto: WEST.Fotostudio

In der Ausstellung I can’t stand the quiet! agiert Annja Krautgasser als Regisseurin, Akteurin, Künstlerin, die nicht nur die vorherrschenden Genregrenzen zwischen Film, Video, bildender Kunst und Performance auf- und durchbricht, sondern zugleich dazu beiträgt, den herkömmlichen musealen Raum als rein elitären Kunstraum zu hinterfragen und über das klassische Kunstpublikum hinausgehend für einen breiten Personenkreis zugänglich zu machen.
(Günther Dankl)

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© Ausstellungsansicht: I can't stand the quiet!, Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, Innsbruck, 2011. Foto: WEST.Fotostudio


Eröffnungsrede von Gabriele Mackert
15. September 2011, Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum

Im Rückblick ist leicht erkennbar, dass sich die durchweg medialen Arbeiten Annja Krautgassers in den letzten zehn Jahren kontinuierlich von minimalistischen, meist technologisch produzierten visuell-akustischen Abstraktionen hin zu realistischen Filmaufnahmen entwickelt haben; von der Arbeit am Computer in digitalen Welten hin zu Individuen und den Organisationsformen ihrer Erzählungen und Ausdrucksweisen. Auf den ersten Blick zeigen ihre jüngeren Arbeiten, in denen Akteure Szenerien strukturieren, Räume, Emotionen oder Begriffe beschreiben, dass Krautgasser im weitesten Sinne den sozialen Raum des Dialogs in ihre Werke einbezieht. Nach abstrakten oder architektonisch inspirierten Arbeiten thematisieren jüngste Videos Situationen und Konstellationen von Menschen, Sprache, Kommunikationsmittel sowie gesellschaftliche Parameter – in der Präsentation im Ferdinandeum: den Tanz.

Aufgrund ihres formal-strukturellen Backgrounds – sie studierte Medienkunst und Architektur – geraten dabei Raumerfahrungen, Präsentationsformen, Ausstellungskontexte und Produktionsbedingungen in den Fokus.

In frühen Filmen, strukturellen (Musik-)Videos und Installationen ging es häufig um die Erweiterung räumlicher und geografischer Konzepte – so beispielsweise in der netzbasierten Medieninstallation IP-III, für die Krautgasser Spuren, die Internetuser mit ihrer IP-Adresse hinterlassen, als interaktive Raumsonografik inszenierte. Bereits dabei zielte sie auf ein verändertes Verhältnis von Akteur und Rezipient: die Handlungsweisen der User, ihre Teilnahme und Aktivierung – und nicht um eine von ihr festgelegte und abgeschlossene Bilderfolge.


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© Ausstellungsansicht: I can't stand the quiet!, Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, Innsbruck, 2011. Foto: WEST.Fotostudio

Für Romanes praktizierte Krautgasser 2009 gar ein dokumentarisch orientiertes, delegiertes Produzieren. Statt selbst zu filmen übergab Krautgasser die Kamera. Romanes beruht auf 270 Minuten Videomaterial, die im Rahmen eines dreitägigen Video-Workshops mit Jugendlichen im „Villaggio Attrezzato“ im römischen Stadtteil Centocelle entstanden sind. Mit den Videokameras übergab Krautgasser den Jugendlichen in einer Art kuratorischer Geste Ästhetisierung, Subjektivität oder politischen Gehalt ihrer Bilder, den sie nur durch den Schnitt, die deutsche Untertitelung und die Präsentation im Kunstraum beeinflusste.

Das Paradox einer jeden filmischen Dokumentation, die – zumindest im Kunstkontext – nicht mehr ohne Reflexion der Unzulänglichkeit ihrer vermeintlichen Objektivität in den Raum gestellt werden kann, markiert einen Extrempunkt innerhalb Krautgassers künstlerischer Entwicklung. Einer Entwicklung, die seit einiger Zeit in Richtung Intervention geht, z. B. als sie für ihr Videoprojekt 1-minute-rendezvous Bewohner verschiedener Gemeinden in der Steiermark einlud, sich eine Minute lang der Kamera zu präsentieren.

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© Ausstellungsansicht: I can't stand the quiet!, Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, Innsbruck, 2011. Foto: WEST.Fotostudio

Für Le Madison – zu sehen im oberen der beiden Ausstellungsräume – suchte Krautgasser in Amsterdam über eine öffentliche Ausschreibung ProtagonistInnen, die die Tanzeinlage aus Jean-Luc Godards Film Bande à part (1964) aufzuführen bereit waren. Die 40 Teilnehmenden hatten vorab über das Internet Gelegenheit, die Tanzschritte des Line Dance „Madison“ einzustudieren, wie dies auch zu Zeiten des Hypes um den Tanz via Fernsehen angeboten worden war. Beim „Madison“ wird in Reihen eine schnelle Schrittfolge aufgeführt, die sich je nach Schwierigkeitsgrad alle 16 bis 72 Schritte wiederholt. Geübt wurde also individuell. Die kollektive Aufführung war eine Art spontanes Experiment. Die Akteure kannten sich womöglich nicht, und sie tanzten nur sehr distanziert „miteinander“. Eher tanzt die Gruppe. Der Einzelne hat schwerlich Ahnung vom Ganzen.

Nachdem Krautgasser in La Sagra (2008) – ebenfalls im oberen Raum zu sehen – als zufällige Besucherin ein italienisches Dorffest gefilmt hatte, bei dem Bewohner verschiedener Generationen traditionelle (Gruppen-)Tänze aufführten, sich in Reihen stellten, sich formierten und nach einer bestimmten Schrittfolge tanzten, die allen vertraut zu sein schien, begab sie sich für Le Madison selbst in die Rolle des Regisseurs einer kollektiven Wiederholung standardisierter Bewegung. Dieses Nachstellen/Reenactment macht aus dem Ausdruck eines dynamischen Lebensgefühls, das Krautgasser in La Sagra spontan einfing, einen extern initiierten, produzierten und kontrollierten Event.

Worin außer in der Bildqualität und im Setting – hier eine alltägliche Räumlichkeit, im Amsterdamer Kunstraum die Intervention des Künstlers Bernd Trasberger, der den gesamten Raum mit einem Linienraster überzogen hatte – liegen die Unterschiede? In beiden Fällen unterwerfen Freiwillige ihre Bewegungen einem Gesamtbild.

Krautgasser veränderte das Verhältnis der Tanzenden zur Aufnahme: Natürlich waren sich auch die Dorfbewohner ihrer Öffentlichkeit bewusst, sie genossen womöglich die Beobachtung ihrer Verwandten, wussten, dass sie vielleicht fotografiert würden. Aber: Sie waren authentisch und nicht bestellt.

Bei Le Madison fehlte das Publikum. Einzig mehrere Kameras bildeten das Gegenüber. Krautgasser dokumentierte unter den Bedingungen eines professionellen Filmsets zudem nicht nur die Tänzer, sondern interessierte sich auch für Aufbau, Crew und Zuschauer. Der Ausstellungsraum, die Raumgrafik, die TänzerInnen, die Künstlerin, die Kameraleute, sie alle waren Bestandteile der Choreografie. Damit sprengte Krautgasser den Horizont der filmischen Vorlage. Weil sie nicht nur den Tanz, sondern auch seine Organisation beobachtete, machte sie aus der Performance ein reflexives Set. Der gewählte und in einem Readymade-Ansatz unveränderte Kunstraum mit seiner extremen Ausstellungsgestaltung steigerte diesen Effekt irritierend. Diese Laboratmosphäre potenzierte die Assoziation „Versuchsanordnung“ durch ihre klinische Sterilität.

Tanz, der immer auch soziale Emotion und individuelle Ästhetik transportiert, wirkt auf dieser formalistischen Bühne regelrecht wie vermessen. Das modulare System der Tanzschritte trifft auf die gegebene symmetrische Struktur der Halle. Die Intervention verweist so explizit auf Krautgassers Interesse für rationale, minimalistisch geordnete Serien, ihren Sinn für Systematik, für das Verhältnis zu Architektur und zur Definition von Raum, aber auch zu (künstlich geschaffenen) sozialen Gemeinschaften.

Krautgassers Projekt für das Ferdinandeum zerlegt eine andere Hommage an Jean-Luc Godards Tanzszene: Für ihre Ausstellung rekonstruiert Krautgasser modellhaft einen Glasschrank, ein Regal, eine Theke, eine Tafel und ein Aquarium. Sie ersteigerte eine auffallend leuchtende originale Bierreklame. Es handelt sich um das Filmset des Fischrestaurants aus dem Film Simple Men (1992), in dem Hal Hartley drei Tänzer zu Kool Thing von Sonic Youth tanzen lässt. Titelgebend für Krautgassers Ausstellung ist Martin Donovans Ausruf I can’t stand the quiet! in Hartleys Film.

Mit der skizzenhaften und doch peniblen Rekonstruktion des Filmsets eines leeren Fischrestaurants in einem Ausstellungsraum legt Krautgasser wie eine Archäologin die räumlichen Bestandteile der ästhetischen Erfahrung offen. Das Display hat seinen Auftritt und fordert die Zuschauer auf, es in Besitz zu nehmen. Anders als bei Le Madison verwehrt sie hier ihre bewegten Bilder. Nur ein Foto dokumentiert die Szenerie des von ihr initiierten Tanzwettbewerbs. Dazu kommen drei Zeichnungen, Versuche, sich dem filmischen Raum anzunähern und einzusehen, dass die Rekonstruktion des Raums aufgrund des Filmschnitts nicht möglich ist.

Eine Bühne hat Krautgasser Ihnen als BesucherInnen in ihrer Installation dennoch übergeben, samt Umkleide, Stylingtischchen und Positionsmarken. Ihr Tanz könnte beginnen: hier und jetzt. Zudem erstreckt sich die Bühne aus einfachen MDF-Platten über die gesamte Ausstellung, auch die Treppen. Als Besucher sind Sie hier eindeutig mit im Bild, weil Akteur – auch wenn sie den musikvideoartigen Film Krochn, eine Momentaufnahme cool gestylter Jugendlicher, die sich zu elektronischer Musik akrobatisch bewegen, als exotisch empfinden. Eine Momentaufnahme ist Krochn auch deshalb, weil der große Medienhype um dieses Phänomen schon wieder abgeklungen scheint. Eine Momentaufnahme außerdem, weil Krautgasser das Video dem italienischen Gemeindetanz gegenüberstellt. Mit gleichem Display stehen so Tanzdokumentationen verschiedener Generationen und Kulturen nebeneinander: Dorffest trifft Großstadtkids. Welche Tanzform wird es in 20 Jahren noch geben? Und warum? Wie werden letztere dann tanzen? Welche Tanztrends werden dann welches Lebensgefühl ausdrücken?
(Gabriele Mackert, freie Kuratorin)

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© Ausstellungsansicht: I can't stand the quiet!, Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, Innsbruck, 2011. Foto: WEST.Fotostudio


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